Schreibexperiment Teil 1

Für jemanden der behauptet, er möge keine Schreibübungen, beschäftige ich mich derzeit recht viel mit diesem Thema. Diese Mal bin ich einer Aufforderung Jackies, die sich ein Schreibexperiment ausgedacht hat, spontan gefolgt. Die Aufgabenstellung lautet wie folgt:

Schreibe zwei Kurzgeschichten à 500 Wörter; je eine Geschichte zu einem Thema, das dich interessiert beziehungsweise nicht interessiert. Welcher Text geht dir besser von der Hand? Kann man zwischen den Zeilen erkennen, welches Thema dir eher am Herzen liegt?

Diese Fragestellung hat mich gereizt. Heute gibt es also den ersten Text. Ob dieser ein Thema beschreibt, das mich interessiert, wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten:

Die Nadeln

Es waren die Zigaretten, die sie dazu bewegt hatten den Nadeln eine Chance zu geben. Es war bereits das zweite Mal, dass sie sich Abhilfe von den spitzen, silbernen Objekten erhofft hatte. Doch der erste Versuch war ohne Erfolg geblieben. Die kleinen Nadeln, die sie sich einige Millimeter tief unter ihre Haut hatte stechen lassen, sollten Nervenbahnen stimulieren und somit ihr Verlangen nach Nikotin abschalten. Das Verlangen blieb aber ungebrochen.

Einige Monate vergingen, in denen sie weiterhin mehrer Zigaretten täglich an ihren Mund führte, anzündete und ihren Rauch tief in ihre Lungen eindringen ließ. Eines Tages, sie saß gerade in der Straßenbahn und betrachtete ihre rechte Hand, auf der sie voller Missmut, die dezente, gelbliche Verfärbung auf Daumen und Zeigefinger entdeckte, überhörte sie ein Gespräch, das sich um das Thema Zigaretten, der Grund für die hässlichen Flecken auf ihren Fingern, drehte. In dem Gespräch pries ein Mann, dessen Gesicht sie nicht zu sehen bekam, da er hinter ihr saß, seinem Bekannten Stricken als Heilmittel gegen das Rauchen an.

Männer, die ihre Nikotinsucht mit dem Stricken von Pullovern besiegen? Das klingt zumindest nicht ganz so absurd wie Menschen, die sich zu Nadelkissen umfunktionieren lassen, dachte sie.

So kam es, dass sie sich noch auf dem Nachhauseweg das nötige Werkzeug besorgte und eine Stunde später mit zwei langen Stricknadeln, statt der üblichen Zigarette in der Hand, auf ihrer Couch saß. Die erste Stunde war die Hölle. Die Technik wollte ihr einfach nicht gelingen. Ungelenk manövrierte sie die Nadeln über die dicke Wollschnur und durch die unförmigen Maschen. Ihr Puls stieg, während ihre Stimmung immer schlechter wurde. In ihrem Kopf hallte das hämische Lachen der Männer aus der Straßenbahn, die in ihrer Phantasie mit langen Stricknadeln auf sie zeigten und sie laut verhöhnten. Diese Vorstellung half ihr durchzuhalten und das Strickzeug nicht in die Mülltonne zu schmeißen. Sie wurde wütend und begann sich so sehr in Rage zu stricken, dass sie vergaß, ihrer Nikotinsucht nachzukommen.

Langsam kamen die ersten Erfolgserlebnisse. Die Maschen wurden sauberer und die Nadeln begannen sich in einem fließenden Rhythmus zu bewegen. Ein Gefühl der Zufriedenheit machte sich in ihr breit. Nach mehreren Stunden, in denen sie unablässig gestrickt hatte, war ihr erstes Werk fertig: Ein viel zu großer, dunkelblauer Topflappen. Dieser war außerordentlich hässlich und für die, für ihn vorgesehene Tätigkeit wahrlich nicht zu gebrauchen. Aber für sie war er ein Zeichen des Triumphs. Ein Triumph über sich selbst, über ihre Sucht und nicht zuletzt auch über imaginäre, lachende Männer.

Seither strickt sie täglich. Sobald sich das Verlangen nach einer Zigarette ankündigt, zieht sie die Stricknadeln hervor, die sie immer in ihrer Handtasche mit sich führt. Sie strickt wo sie geht und steht. Zuhause, in der Straßenbahn, auf dem Weg zur Straßenbahn, im Büro, im Bett, in der Badewanne, im Kino. Kaum ein Ort, an dem sie noch nicht gestrickt hat. Mittlerweile ist sie wirklich gut in der Ausführung dieses traditionellen Handwerks geworden. Sie hat bereits all ihre Verwandte und Freunde mit Pullovern, Socken, Schals und Mützen versorgt. Daher hat sie ihr Tätigkeitsfeld nun auf das urban knitting ausgeweitet. Des Nachts zieht sie los, um die Stadt mit ihren Strickwaren zu verschönen: Laternenpfahle erhalten bunte Schals, die Sitzschalen von Bushaltestellen werden mit dicken Wollkissen versehen und die harten Lehnen von Parkbänken erhalten weiche Polsterungen für die geschundenen Rücken ihrer Gäste. Ihr Werk wird täglich von tausenden Menschen bewundert.

Stricken hat ihr Leben verändert. Keine Zigaretten mehr. Die Flecken auf der Hand sind verschwunden.

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1 Responses to “Schreibexperiment Teil 1”


  • Hallo Mart,
    endlich hab ich Zeit gefunden deine Geschichte zu lesen. Erst Mal finde ich es wirklich toll, dass du dich an mein Experiment gewagt hast und bin schon richtig gespannt was noch dabei heraus kommt.

    Ich würde übrigens behaupten, dass das hier die Geschichte ist, die dich nicht interessiert hat. Warum genau habe ich hier:
    http://www.schreibwerkstatt.de/schreibexperiment-nadeln-t5735.html#35902
    ausführlicher erklärt. Um es kurz zu machen, es hat sich so angefühlt :)

    Ich bin wirklich neugierig ob ich richtig liege.
    Liebe Grüße
    Jacky ;)

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