Unerwarteter Karrieresprung

Bevor ich ins Ausland zog, hatte ich eine Zeit lang als Journalist gewerkelt. Das liegt nun schon einige Jahre zurück, aber gestern kehrte ich unverhofft in mein altes Metier zurück. So schien es zumindest für einige Stunden.

Das Ganze begann folgendermaßen: Ich hatte mich von einer Kollegin dazu breitschlagen lassen, ihr mit der Planung einer Jungeselinnen-Abschiedsfeier zu helfen. Ihre Freundin, die nun bald heiraten wird und für die besagte Feier bestimmt war, wusste natürlich nichts von dem Vorhaben. Darum benötigte man einen Vorwand, um sie zu einem Restaurant zu locken, wo die Braut in spe überrascht werden sollte. Der Vorwand war ich. Ich sollte mich als Journalist der schwedischen Wirtschaftszeitung Dagens Industri ausgeben, der vorhatte, einen Artikel über ihre Firma zu schreiben. Ich verabredete mich also mit dem ahnungslosen Opfer zu einem Interview in einem Restaurant in der Stockholmer Innenstadt. Damit war es für mich aber noch nicht getan. Ich sollte tatsächlich ein Interview mit ihr führen und sie im Lauf dessen mit kniffligen Fragen ins Schwitzen bringen.

Die Damen ist Gründerin einer Firma, die Unternehmen in punkto Corporate Social Responsibility berät. Das Interview begann also harmlos mit Fragen ihrer Firma betreffend. Ihre Antworten waren äußerst professionell und nach rund zehn Minuten war sie eingelullt. Ihre anfängliche Nervosität war verflogen. Zeit für mich die Daumenschrauben anzulegen. Ihre Freundinnen hatten mir reichlich Munition geliefert, um das gerade erlangte Gefühl der Sicherheit zu torpedieren. Ich feuerte den ersten Schuss ab. „Sie mahnen Ihre Kunden zur Einhaltung ethischer Grundfragen auf. Wie können Sie dies guten Gewissens tun, während die Firma Ihres Lebensgefährten Alkohol und Tabak nach Schweden importiert?“  Diese Frage konterte sie ganz gut, aber ihre Stimme sowie ihre Gesichtszüge verrieten, dass sie ihr Böses schwante. Mit der anfänglichen Gemütlichkeit des Interviews war es vorbei.

Auch die zweite Salve zielte auf ihr Privatleben ab. „Während meiner Recherchen bin ich auf Ihren Cousin gestoßen, den Geschäftsführer eines Pornounternehmens. Inwiefern ist das bitteschön ethisch vertretbar?“ Ich glaubte erste Schweißperlen auf ihrer Stirn zu sehen. Sie versuchte den Vorwurf mit der Begründung abzuweisen, dass sie nicht für das Tun Anderer verantwortlich sein könne. Während sie sich mit weiteren Argumenten abmühte, wählte ich diskret eine Nummer auf meinem, in meiner Jackentasche verstecktem Handy an. Das verabredete Zeichen für die Freundinnen, die vor dem Restaurant lauerten.

In der finalen Frage wurde es wirklich persönlich. „Mir liegen Informationen vor, nach denen Sie regelmäßig Plagiate westlicher Designerkleidung aus China beziehen. Sie sind sich aber schon bewusst, dass diese mit ziemlicher Sicherheit von Kindern in Sweatshops hergestellt werde?“ Die Muskeln in ihrem Gesicht gaben ihren Dienst auf und die Kinnlade sackte herunter. Sie rang förmlich nach Worten. Just in diesem Moment kamen ihre Freundinnen an unseren Tisch. Obwohl diese wie aus einem Mund „Überraschung“ riefen, begriff meine Interviewpartnerin nicht, dass sie einem Streich aufgesessen war. Bestimmt forderte sie das halbe Dutzend Frauen auf, sich aus dem Staub zu machen. Sie befände sich in einem Interview und hätte nun absolut keine Zeit für sie. Es dauerte rund zwei Minuten bis sie begriff, dass man sie hereingelegt hatte. So richtig erfreut schien sie mir nicht, was ja auch verständlich war. Immerhin hatte sie geglaubt, dass ihr Unternehmen am Montag in einer der wichtigsten Zeitung des Landes genannt würde. Ich machte mich schon bald davon, und ließ die Damen die erste Flasche Sekt des Tages öffnen.

Ich bin eigentlich kein Freund solcher Streiche, aber dennoch fand ich die Aktion ziemlich interessant, da ich das Interview wie eine Szene zu planen hatte. Meine Fragen waren so ausgerichtet, dass sie meinem Interviewpartner die gewünschten Antworten in den Mund legten, damit ich nahtlos zum nächsten Punkt im Drehbuch übergehen konnte. Es war eine Art interaktive Schreibübung und zum Glück ist mir diese gelungen, ohne dabei als Hochstapler aufzufliegen. Ansonsten wäre der restliche Jungeselinnen-Abschied wohlmöglich in die Hose gegangen.

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