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Die Surrealisten und der Blog

Das brillante Upload Magazin hat diese Woche zur Themenwoche Frankreich – Blogging à la française erkoren. Dies hat mich dazu bewegt, einer gewagten Frage nachzugehen: Gibt es Einflüsse aus der französischen Literatur, die den Schreibstil des gemeinen Bloggers geprägt haben?

Frankreich mag nicht direkt als Land erscheinen, dem eine Vorreiterrolle in Sachen Internet zugesprochen werden sollte, aber ich glaube, dass es bei der Entwicklung der Blogkultur durchaus eine bedeutende Rolle gespielt hat. Und das ganze sogar vor rund 90 Jahren. Zu dieser Zeit formierte sich nämlich in Frankreichs Literaturszene eine Bewegung, die die Écriture automatique propagierte. Dieses Automatische Schreiben wird als Methode definiert, bei der

Bilder, Gefühle und Ausdrücke durch Introspektion in die Psyche unreflektiert wiedergegeben werden. Es dürfen sowohl Sätze, Satzstücke, Wortketten, als auch einzelne Wörter geschrieben und auch Fehler gemacht werden und es muss nicht auf die Regeln der Orthografie, Grammatik oder Interpunktion Rücksicht genommen werden.

Ich bin der Meinung, dass dies ziemlich präzise die Methode beschreibt, die von einer Vielzahl Blogger benutzt wird (IM, Twitter etc. sind wahrscheinlich sogar noch bessere Beispiele).

Man hat gerade etwas Lustiges erlebt, schmeißt den Computer an, tippelditipp, Emicon eingefügt und weg damit. Wenn meine These also stimmt, dann sind die Väter der Blogkultur eine Gruppe Absinthtrinkender Surrealisten.

Ich habe das Ganze mal mit Hilfe André Bretons Anweisungen aus dem „Ersten Surrealistischen Manifest“ durchexerziert:

Lassen Sie sich etwas zum Schreiben bringen…

Laptop bitte!

…nachdem Sie es sich irgendwo bequem gemacht haben, wo Sie Ihren Geist soweit wie möglich auf sich selbst konzentrieren können.

Mh? Bett? Ja, probieren wir mal das Bett.

Versetzen Sie sich in den passivsten oder den rezeptivsten Zustand, dessen Sie fähig sind.

Kein Problem!

Sehen Sie ganz ab von Ihrer Genialität, von Ihren Talenten und denen aller anderen.

Bei meiner Genialität wird das aber ganz schön schwer. Aber ich versuchs mal.

Machen Sie sich klar, daß die Schriftstellerei einer der kläglichsten Wege ist, die zu allem und jedem führen.

I hear ya!

Schreiben Sie schnell, ohne vorgefaßtes Thema, schnell genug, um nichts zu behalten, oder um nicht versucht zu sein, zu überlegen.
….
Der erste Satz wird ganz von allein kommen…
……
Der erste Satz wird ganz von allein kommen…
……
DER ERSTE SATZ WIRD GANZ VON ALLEIN KOMMEN!!!

Ja ja, schon gut. Habe einen: „Der Pinguin schmiert Nutella auf sein Fahrrad.“

….denn es stimmt wirklich, daß in jedem Augenblick in unserem Bewußtsein ein unbekannter Satz existiert, der nur darauf wartet, ausgesprochen zu werden.

„Daß“ schreibt man heutzutage übrigens mit „ss“. „Bewusstsein“ auch.

Fahren Sie so lange fort, wie Sie Lust haben.

Kein Problem, wird gemacht.

Verlassen Sie sich auf die Unerschöpflichkeit des Raunens. Wenn ein Verstummen sich einzustellen droht, weil Sie auch nur den kleinsten Fehler gemacht haben: einen Fehler, könnte man sagen, der darin besteht, daß Sie es an Unaufmerksamkeit haben fehlen lassen – brechen Sie ohne Zögern bei einer zu einleuchtenden Zeile ab.

Ooookay…Raunen? Verstehe!

Setzen Sie hinter das Wort, das Ihnen suspekt erscheint, irgendeinen Buchstaben, den Buchstaben l zum Beispiel, immer den Buchstaben l, und stellen Sie die Willkür dadurch wieder her, daß Sie diesen Buchstaben zum Anfangsbuchstaben des folgenden Wortes bestimmen.“

Dass Limonenscheibchen.

Fin!

Jetzt fühlen sich sicherlich einige hard-working Blogger vor den Kopf gestoßen, ob meiner Behauptung, dass sie planlos Texte verfassten. Dennoch finde ich, dass sich sicherlich ein jeder ein wenig mit der Écriture automatique identifizieren kann. Wenn nicht, auch nicht schlimm.

Jetzt schon basteln Sprach- und Kommunikationswissenschaftler an ersten Thesen über die Verwendung von Sprache im Web. Vielleicht sollten sie aber mal kurz einen Blick über die Schulter, Richtung 1920er in Frankreich werfen.