Neulich erfuhr ich, dass eine Bekannte von mir ebenfalls im Stillen einen Roman verfasst hat. Stolz erzählte sie mir, dass ihr Buch nahezu 500 Seiten umfasst. Meines kommt ungefähr auf die Hälft.
[Die tatsächliche Anzahl der Buchseiten errechnet sich, indem man die Anzahl der Zeichen inklusive Leerzeichen durch 1800 teilt.]
Irgendwie hatte ich das Gefühl, eine verteidigende Erklärung dazu abzugeben und wollte darauf hinweisen, dass mein Protagonist meist mit sich selbst beschäftigt ist und daher relativ wenige Dialoge vorkommen, die ja bekanntlich hervorragendes Seitenfüllwerk abgeben.
Da viel mir aber das Buch „Der kleine Bruder“ von Sven Regener ein, das ich vor kurzem gelesen habe. Regener kann mühelos eine Seite mit einem einzigen Gedankenstrang seines Protagonisten Frank füllen und packt das Ganze oft auch noch in nur einen einzigen Satz.
„Er trug einen Anzug seines Bruders und einen dazu passenden Mantel, aber beides taugte nicht viel gegen die bittere Kälte, und er fragte sich, ob es nicht doch besser gewesen wäre, seine eigenen, schon müffelnden und stellenweise auch dreckigen Sachen noch einmal anzuziehen, statt sich bei seinem Bruder etwas auszuleihen, das wäre vielleicht klüger gewesen, dachte er, so holt man sich ja den Tod, und bevor man ihn sich holt, dachte er, redet man schon in Gedanken wie seine eigene Mutter, das macht es erst richtig übel, dachte er, sich den Tod holen, wenn man in solchen Redensarten denkt, dachte er, dann steht es schon schlimm, das liegt nur an den Kälte, dachte er, die macht träge und stumpf im Kopf, und was macht es schon, wenn die Klamotten müffeln, die ganze Stadt müffelt doch mit ihrem Smog und ihrer Hundescheiße, dachte er, denn die Straßen waren voller Herbstlaub, und darunter verbarg sich die Hundescheiße und lauerte auf naiv und unbekümmerte ausschreitende Neulinge wie ihn, das hatte er gerade eben, in der Schönleinstraße, auf die harte Tour lernen müssen.“ *
Der Stil entspricht zwar nicht dem meines Buches, war aber Grund genug meine verteidigende Aussage runterzuschlucken und meiner Bekannten (und mir selbst) zum Umfang ihres Romans zu gratulieren.
*Sven Regener, Der kleine Bruder, Eichborn, Berlin


